Die Bestie

Das ist eine wahre Geschichte, die ich selbst erlebt habe. Sie handelt diesmal nicht vom Wasser. Jedenfalls nicht auf dem ersten Blick. Doch irgendwie ist das Wasser schon anwesend, denn auch hierbei geht es um das sich Hin-Geben. Und was dadurch entstehen kann. Das Leben will uns mit Erfahrung und Weisheit beschenken. Damit wir es einfacher haben. Dafür kommuniziert es in Bildern und Symbolen mit uns. Es liegt an unserer Bereitschaft hinter den Kulissen jeder Situation zu schauen, um die Botschaft darin zu entdecken. Ich gebe zu, es fällt nicht immer leicht. Es lohnt sich jedoch in jedem Fall mal die Sicht zu wechseln und es völlig anders zu betrachten. Und ich möchte dich mit dieser Geschichte vom Herzen darin ermutigen. Probiere es beim nächsten mal aus und erfreue dich an der neuen Erfahrung ♥

Meine heute sehr innige Beziehung mit den wunderbaren Hundewesen begann änhlich widersprüchlich wie die mit dem Wasser. Ich war ein kleines Mädchen, vielleicht gerade sieben Jahre alt und auf meinen üblichen Streifzügen durch meine Heimatstadt Sofia. Es war die schönste Zeit des Jahres – es waren Sommerferien. Nebenbei gesagt dauern die Sommerferien in Bulgarien ganze drei Monate lang. Herrlich! Ich hatte keine Freunde und war dadurch meist allein unterwegs. Zum besseren Verständnis der Geschichte möchte ich anfügen, dass es keinesfalls so war, dass ich keine Freunde haben wollte. Ich hatte einfach keine und fand auch nirgendwo Anschluss. Meine Ansichten und die Dinge, an denen ich mich erfreute, wichen schon damals etwas von der allgemeinen Norm ab. So hatte ich mich daran gewöht meine eigenen Wege zu gehen. Ich liebte es Menschen und die Farben des Lebens zu beobachten, planlos die Stadt abzulaufen, dabei neue Orte zu entdecken und mich dabei frei zu fühlen. Bei solch einem Streifzug heftete sich ein grosser Hund an meine Fersen.

Ich sehe das Bild noch heute vor meinen Augen – es war ein riesiger, herrenloser, altdeutscher Schäferhund. In Bulgarien gab und gibt es noch immer herrenlose Hunde. Vor allem grosse. Denn es sind die grossen Hunde, die am meisten Kosten und Mühe verursachten. Sei es an Futter, Platz oder Zuwendung. Also wurden sie einfach auf die Strasse gejagt, sobald sie keine niedlichen Welpen mehr waren und unbequem wurden. Es kam vor, dass sich die Hunde dann zu Rudel zusammenschlossen und wieder wild wurden. Obwohl ich Tiere immer sehr geliebt habe, hatte ich Angst vor grossen Hunden, grosse Angst sogar. Und vor diesem ganz besonders. Er sah furchteinflösend aus und es war eindeutig, dass er es auf mich abgesehen hatte. So wie er mich anschautete. Und es war weit und breit niemand in der Nähe, den ich um Hilfe bitten konnte.

Während der Sommerferien sind die Strassen allerorts wie leergefegt. Also versuchte ich unauffällig die Flucht zu ergreifen und begann schneller zu gehen. Doch er holte auf. Ich hatte schreckliche Angst und mein Herz klopfte wie wild. In meiner Not stürmte ich in das Gebäude, das mir amnächsten war. Ich würde irgendwo klingeln und um Hilfe bitten. Dies war jedoch kein Wohnhaus, sondern ein Amt. Ich lief die Treppen hinauf, doch das Ungeheuer von Hund folgte mir. Ich bog links durch die Glastür in den Gang ein und versuchte die erstbeste Tür zu öffnen. Doch leider war diese verschlossen. Ich versuchte es an der nächstfolgenden, doch auch diese öffnete sich nicht. Voller Panik drückte ich Klinke für Klinke an jeder Tür, doch alle waren sie verschlossen. Ich hatte wohl die Mittagspause erwischt. Irgendwann kam ich an die letzte Tür, die ebenso geschlossen blieb. Der Gang war hiermit zu Ende, es kam nur noch die Wand. Und der Hund hatte aufgeholt und war mir schon ganz nahe.

Voller Angst stellte ich mich mit dem Rücken an die Wand und hoffte, es würde sich eine unsichtbare Tür hinter mir öffnen oder doch noch ein Erwachsener auftauchen. Doch leider war ich ganz allein und dieser Bestie von Hund ausgeliefert. Im nächsten Moment nahm er Anlauf, rannte auf mich zu und sprang mich an. Auf den Hinterbeinen aufgerichtet sah er noch viel grösser aus. Ich sah nur noch seinen Bauch vor mir und kniff die Augen zusammen, weil ich diesen Schrecken nicht mehr ertrug. Meine Atmung setzte aus und ich war auf das Schlimmste gefasst.

Doch was dann geschah, veränderte mein ganzes Leben und mein Verhältnis zu Hunden. Er legte seine Pfoten auf meine Schulter….und begann freudig mein Gesicht ab zu lecken. Er war überglücklich und ich verstand ganz genau was er mir zu sagen versuchte – er war einsam und er suchte einen Freund, einen Gefährten. Ich streichelte seinen riesigen Körper, er wedelte freudig mit dem Schwanz und schaute mich aus treuen Augen an. “Sag, was ich für dich tun soll „ schien er mir zu sagen. “Komm mit, wir spielen zusammen „ sprudelte es aus mir heraus. Und er folgte mir in einer Ergebenheit, wie nur Hunde sie haben.

Ich verlies das Gebäude mit dem Hund an meiner Seite und war eine andere als die, die reingegangen war. Ich war in Gespräch mit einem Lebewesen, ohne mit ihm zu sprechen. Das hat mein Herz zutiefst berührt und mit grosser Freude erfüllt. Dieses Gefühl der Freude ist etwas, woran ich bis zum heutigen Tag erkenne, wenn ein wortloser Austausch mit einem Naturwesen erfolgt.

Als wir am Ausgang waren, kamen uns einige Beamte entgegen, die nun den Weg in ihre Büros nahmen. Doch ich brauchte sie nicht mehr. Ich ging mit dem Hund auf dem gegenüberliegenden Spielplatz, setzte ihn in eine Schaukel und mich auf die andere Seite. Damit sein riesiger Körper auf die Sitzfläche passte musste er sich richtig einquetschen. Er lies sich jedoch alles gefallen und schaute mich dabei noch dankbar an. Noch heute erinnere ich mich an das unendliche Glücksgefühl, das wir beide dabei empfanden. Und an die überraschten Blicke der Passanten, die vorbei kamen. So etwas hatten sie noch nicht gesehen – ein riesiger Hund und ein kleines Mädchen schaukelten gemeinsam und freuten sich dabei.

Dieses Tierwesen ermöglichte  mir eine ganz besondere Erfahrung und sie war der Beginn für viele weitere berührende Begegnungen mit Hunden. Die teilweise an Wunder grenzten.

Das symbolhafte der Situation selbst hingegen – dass erst meine völlige Hingabe an das was ist den Dingen eine ganz andere Richtung verlieh – begegnete mir im Leben noch unzählige male. Und es dauerte eine Ewigkeit bis ich es verstand, dass es in den meisten Fällen lohnenswerter ist sich dem Fluss des Lebens hinzugeben, anstatt sich im „dagegen Kämpfen“ zu versteifen. Und noch einmal so lange bis ich es tatsächlich wagte. Mich hin zu geben und ganz und gar dem was ist in tiefem Vertrauen an das Leben zu überlassen. Das war der Moment, in dem das das Wasser begann sich mir zu offenbaren. Doch dies ist eine andere Geschichte…

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Die Bestie

  1. Wunderbare Geschichte voller Weisheit, Erkenntnis und Tiefe. Danke fürs Teilen, geliebte Seelenschwester. <3

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