Der Valentinstag

Da ist niemand der mich liebt. Ich fühle mich allein, unwichtig und klein. Dabei ist heute Valentinstag, der Tag der Liebe und der Liebenden. Doch genau der führt dazu, dass ich mich noch ungeliebter, noch einsamer, noch unwichtiger und noch kleiner fühle. Die Wunde meiner letzten Trennung ist noch ganz frisch und sie blutet. An diesem Tag ganz besonders.

Nicht genug, dass ich mich unter Schmerzen getrennt hatte, kurze Zeit darauf verkündete er nun die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Es störte ihn dabei keineswegs, dass mir das weh tat, im Gegenteil – er genoss es. In seinen Augen hatte ich ihn mit der Trennung doch auch verletzt. Was die neue Auserwählte am heutigen Tag erwartete wusste ich nur zu gut. Sie würde eine Pizza in Herzform von ihm bekommen und den üblichen Espresso ans Bett.

Und mich verwöhnt heute niemand. Keine Blumen, keine Liebesgesten, kein verliebter Blick. Kein du bist mir wichtig. Nichts. Nicht, dass ich jemals Wert auf Valentinstag gelegt hätte. Doch, wie sagt der italienische Dichter und Philosoph Dante so treffend: Nichts tut mehr weh, als sich im Unglück vergangenen Glücks zu erinnern.

Am Tag der Liebe spürte ich keine Liebe. Nur Ablehnung und unschöne Gedanken. Also beschloss ich zu Hause zu bleiben, um nicht die unzähligen Blumensträuße und Präsente in Herzform in den Händen verliebter Männer zu sehen. Ich versuchte mein Bestes, um den Schmerz in mir zu umgehen, jedoch nichts half. Wozu auch, es war ja sowieso niemand da, vor dem ich es verstecken muss.

Also gab ich mich meinem Elend voll und ganz hin. Ich hätte auch sicher den ganzen Tag zu Hause verbracht, wenn sich nicht irgendwann der Hunger sehr dringlich gemeldet hätte. Passend zu meiner Stimmung hatte ich nichts zu Essen da. Nicht einmal Brot. Und niemanden, den ich darum bitten konnte, den Einkauf für mich zu erledigen. Ich musste also raus, ob ich wollte oder nicht.

Allerdings hatte ich noch meinen Schlafanzug an und überhaupt keine Lust mich für diese halbe Stunde umzuziehen. Unwillig warf ich mir einen Mantel über mein Pygama und ging auf die Straße. Dabei kam mir ein absurder Gedanke in den Sinn : Wenn ich nun vom Auto überfahren werde und in die Notaufnahme muss, ist es ja total peinlich dass ich um diese Uhrzeit einen Schlafanzug anhabe. Geduscht bin ich ja auch noch nicht, stellte ich erschrocken fest.

Draußen angekommen hatte das Gefühl, dass jeder mit dem Finger auf mich zeigte „Da ist sie die Ungeliebte. Die der Liebe Unwürdige. Außerdem hat sie noch ihren Schlafanzug an.“ Ich vermied es die Menschen anzuschauen, am liebsten wäre ich jetzt unsichtbar. Als ich vor dem hell erleuchteten Supermarkt stand zögerte ich hinein zu gehen. Das war mir einfach zu viel Licht, zu viel Trubel. Das passte gerade nicht zu meinem Gemütszustand. Und außerdem konnte man in diesem Licht viel einfacher meine Hosen als Pygamahosen identifizieren als in der Dämmerung.

Ich ging also weiter und steuerte auf die nächste Bäckerei zu. „Ein halbes Roggenbrot bitte“ – sagte ich. „Wenn man allein ist, braucht man ja kein ganzes“ – dachte ich. Der junge Mann schaut mich freundlich an und sagt: „Es tut mir leid, unser Roggenbrot ist alle. Soll es denn unbedingt Roggenbrot sein ?“ „Ja“ – nicke ich resigniert. Das passt ja perfekt zu meinem Unglück. Jetzt bekomme ich nicht mal mein Lieblingsbrot. Ich verabschiede mich höflich – der Verkäufer kann ja nichts dafür, dass mich niemand liebt – und drehe mich um, um den Laden zu verlassen.

Als ich gerade die Hand strecke, um die Tür aufzustoßen ruft mir der junge Verkäufer hinterher: Warten Sie bitte, darf es denn auch geschnittenes Roggenbrot sein ? „Ja, natürlich“ – erwiedere ich – „Hauptsache Roggenbrot.“ Etwas in mir beginnt zart zu lächeln, während ich zum Verkaufstresen zurück gehe: Na bitte so schlimm ist es nun auch nicht. Immerhin haben wir nun unser Lieblingsbrot. Der Mann überreicht mir die Tüte mit dem Brot und lächelt dabei wie ein Engel. „Das schenke ich Ihnen“– sagt er dabei. Und als meine Lippen noch ein lautloses „Warum“ formen, fügt er hinzu. „Das ist mein Geschenk an Sie. Immerhin ist heute Valentinstag.“ Während mein Verstand noch immer am „Warum“ hängt, läuft mein Herz gerade über vor Glück.

Ich habe tatsächlich eine Gabe zum Valentinstag bekommen. Und nicht irgendeine. In einem Land, in dem sich jeder Brot leisten kann, bekomme ich eines geschenkt. Ganz liebevoll, von einem Unbekannten, am Valentinstag. Zumal Brot für mich eine ganz besondere Bedeutung hat. Es hat etwas ursprüngliches, zutiefst irdisches und menschliches zugleich. Brot zu verschenken ist schon sehr speziell. Diese ungewöhnliche Geste indess sollte mir im Laufe der Jahre noch einige male begegnen. Dass mir in Momenten in denen ich mit dem Leben hadere, mir völlig unbekannte Menschen Brot schenken.

Die Tüte mit dem kostbarsten Brot der Welt in der Hand, mache ich mich – als eine ganz andere – auf dem Weg nach Hause. Ich fühle mich reich beschenkt, mein Herz pumpt rosa Liebesströme durch meinen Körper. Meine Schritte sind leicht und beschwingt. Mir ist etwas nicht alltägliches widerfahren und ich fühle einen tieferen Sinn dahinter. Ganz so, als hätte das Universum selbst mir zugewunken. Ich habe am Valentinstag Brot von einem Unbekannten geschenkt bekommen.

Die Brottüte schwenkend sehe ich plötzlich einen Mann auf dem Bürgersteig liegen. Ich kenne ihn, es ist Richard, ein Obdachloser. Ich habe ihm im Winter zuvor des Öfteren selbstgemachte Plätzchen gebracht, mich zu ihm gesetzt und ihm zugehört. Als seine Firma bankrott gegangen war, hatte ihn kurz darauf seine Frau verlassen und seit dem lebte er auf der Straße. Doch irgendetwas schien heute mit ihm nicht in Ordnung zu sein.

Er liegt auf dem Bauch und sein Kopf hängt von der Bordsteinkante auf der Straße. Er musste dort dringend weg. An seinem Blick und dem versuchten Lächeln sah ich, dass er mich zwar erkennt, doch nicht in der Lage ist zu reagieren. Richard ist ein großer Mann und es ist unmöglich ihn allein zu bewegen. Die Menschen schauen zu, wie ich mich abmühe ihn auf den Bürgersteig zu zerren und schauen dann gleichmütig wieder weg. Der große hilflose Mann, dessen Kopf auf der Straße hängt und die kleine Frau die versucht ihn von dort weg zu bringen, existieren in ihrer Realität nicht.

Von irgendwo her kommt ein weiterer Obdachloser langsam auf mich zu. Er geht mit einem Rollator und scheint in keiner guten körperlichen Verfassung zu sein. Trotzdem versucht er sich irgendwie nützlich zu machen. Mit der einen Hand stützt er sich am Rollator, mit der anderen freien Hand versucht er mit mir gemeinsam Richard zu bewegen. Was uns beim besten Willen nicht gelingt. Und wie in einer Parallelwelt gehen die Menschen weiterhin an uns vorbei. „ Bitte liebe Menschen – rufe ich verzweifelt in die Menge hinein – ich brauche Hilfe ! Ich schaffe es alleine nicht !“ Die Menschen schauen jedoch stur gerade aus und gehen weiter, als wäre nichts geschehen.

Doch da, ein junger Mann – keine 20 Jahre – löst sich aus der Menschenmenge und kommt in unsere Richtung. Ich schaue ihn dankbar an. „Bitte hilf mir“ – sagte ich – „er ist zu schwer für eine Person allein und sein Kopf muss dringend von der Straße weg.“ Der junge Mann und ich packten Richard, doch es war nicht so einfach einen fast leblosen Körper zu transportieren. Mit vereinten Kräften schafften wir es dann doch irgendwie. Ich bedankte mich bei dem jungen Mann für die Unterstützung und er ging weiter.

Ich schaute mir Richards Kopf genauer an und sah, dass er eine Platzwunde hatte. Er musste dringend zum Arzt. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ja ohne Handy losgegangen war – denn, wer sollte mich schon am Valentinstag anrufen. Ausgerechnet jetzt. Ich fragte den anderen Obdachlosen, ob er ein Handy hat. Er schien überrascht, dass ich einen Krankenwagen rufen möchte, doch dann lächelte er freundlich. Nein, ein Handy hat er leider nicht.

Somit musste ich zum zweiten mal in die Menschenmasse hineinrufen: „Bitte, hat jemand mal ein Handy dabei, ich möchte einen Krankenwagen rufen.“ Und wieder war es ein junger Mensch, der zu Hilfe kam und mir ganz selbstverständlich seinen Smartphone in die Hand drückte. Dank ihm konnte ich einen Krankenwagen rufen. Ich erklärte knapp worum es geht und wo genau wir uns befinden. Sie sagten, es würde ungefähr eine halbe Stunde dauern, bis sie eintreffen.

Der andere Obdachlose stand die ganze Zeit neben mir, auf seinen Rollator gestützt. Ich sah, dass dieser voll mit Kram war, wahrscheinlich sein ganzes Hab und Gut. „Sie können ruhig schon nach Hause gehen“- sagte er. „Ich bleibe solange hier, bis der Krankenwagen kommt. Sie brauchen nicht in der Kälte zu stehen.“ Tatsächlich wurde es langsam kühl, denn es begann dunkel zu werden. „Nein, kein Problem“ – antworte ich – „Ich warte bis der Krankenwagen“ kommt.

Der Wagen kam tatsächlich pünktlich und das erste was ich von den Sanitätern hörte war „Ach so, ein Obdachloser. Warum haben Sie es denn nicht gleich am Telefon gesagt? Dann hätten wir uns ja gar nicht so beeilen brauchen“ „ Weil er nicht ein Obdachloser, sondern einfach ein Mensch ist“ – sagte ich schlicht und schaute ihnen dabei direkt in die Seele. Für einen kurzen Moment sahen sie so aus, als würden sie dies zum ersten mal hören. Was sie in sich hinein murmelten verstand ich nicht, das „Vielen Dank für Ihre Umsicht“ jedoch kam laut und deutlich.

Als die Türen des Krankenwagens sich schlossen und das Auto anfuhr drehte ich mich um. Der andere Obdachlose stand immer noch da, noch immer an seinem Rollator gestützt. Sein Blick ruhte auf mich und etwas Feierliches lag darin. In seinen Augen lag die tiefe Zufriedenheit eines Dirigenten, der gerade ein gelungenes Konzert zu Ende geführt hatte. Zwischen meinen Herzschlägen mischten sich Tropfen aus süßem Honig. Nun führte er seine rechte Hand zu seinem Herzen und machte eine leichte Verbeugung: „Vielen Dank, Lady“ sagte er dabei. Dann griff er mit seiner freien Hand in seinen Rollator und wie ein Magier zauberte er einen nagelneuen Regenschirm hervor. „Für Sie“ – sagte er – „ Das ist mein Geschenk an Sie zum Valentinstag.“

Die rosa Ströme in meinem Herzen verbanden sich zu einem heftigen Sturm und dieser hob mich empor. Direkt in den Himmel. Ich konnte es nicht fassen, es war das zweite Geschenk an diesem Tag. Dann legte ich ebenso meine rechte Hand auf mein Herz, verbeugte mich in seine Richtung und sagte: Ich danke Ihnen aus ganzem Herzen für dieses Geschenk. Das nehme ich auch sehr gern an, den Regenschirm möchte ich Ihnen jedoch lassen. Ich denke, Sie werden ihn besser gebrauchen können als ich.

Es war Valentinstag und ich hatte die schönsten Liebesgeschenke erhalten, die man sich nur wünschen kann. Geschenke, die man für kein Geld der Welt bekommt.

Die Vorbild Frau

Wir schreiben den 7 Februar. Ich hatte heute Nacht einen ganz besonderen Traum. Mit einem wirklich unerwartetem Ende, das mich selbst im Traum noch lange beschäftigt hat. Doch was mich daraufhin mindestens genauso verblüfft hat war, dass eine Stimme im Traum ganz deutlich zu mir sagte: Schreib alles auf. Behalte diesen Traum nicht für dich. Er ist für die Frauen dieser Welt. Schreib ihn auf und veröffentliche ihn.

 

 

Es ist keine Seltenheit, dass ich träume. Doch es ist selten, dass ich mich so deutlich an einen Traum erinnere, noch seltener, dass dieser über den Tag präsent bleibt. Dieser hier ist es. Er ist so lebendig in mir, dass ich unwillkürlich an eine Frage denken muss, die mir meine Tochter stellte, als sie noch ein kleines Mädchen war: Mama, woher weißt du eigentlich, dass wir am Tage wach sind und in der Nacht träumen und nicht umgekehrt ?

Ja, woher eigentlich ???

Wirklich motiviert bin ich nicht. Habe heute ganz viele andere Dinge zu tun, dabei geht es mir nicht leicht von der Hand. Es ist ein Tag, an dem ich zu nichts Lust habe, schon gar nicht die Muße zum Schreiben. Doch die Stimme aus meinem Traum ermahnt mich in immer kürzeren Abständen: Setzt dich hin und schreibe alles auf. „Ich kann nicht mal klar denken“  protestiere ich. „Du brauchst dein Denken dafür nicht“ antwortet die Stimme. „Schreib einfach“.

Also gut.

Wie so oft im Traum erschien das Geschehen sehr lang und ausführlich. Doch in Wirklichkeit war es sicher nur ein Wimpernschlag der Zeit. Ganz so wie im wahren Leben. Wir erleben etwas, das kein Ende zu nehmen scheint. Es ist voller Ereignisse und Emotionen. Alles scheint ewig anzudauern. Bis zu dem Moment, wenn es vorbei ist. Dann ist es wie ein ferner Traum. Und das nächste Erlebnis legt sich wie eine Patina darauf.

Im Traum geht es um eine Frau, die als die personifizierte, echte Frau gilt. Zudem strahlt sie viel Wärme aus, weshalb sie auf der ganzen Welt geliebt und bewundert wird. Sie ist ganz so wie eine Frau zu sein hat,wenn sie ganz und gar in ihrer Mitte und in ihrem Frau Sein ist.

Menschenmassen kommen zusammen und warten sehnsüchtig darauf sie zu sehen, denn sie ist sehr inspirierend und herzöffnend. Ich beschliesse mich der Menge anzuschließen, denn auch ich möchte wissen, wie man denn ist, wenn man eine echte Frau ist. Wie sieht sie aus, wie benimmt sie sich, was hat sie an, wie wirkt sie auf die Menschen, wie fühlt es sich an in ihrer Gegenwart zu sein, wie weit reicht die Liebe, die aus ihrem Herzen strahlt. Vielleicht kann ich mir etwas von ihr abgucken, etwas lernen und es dann in meinem Leben integrieren.

Ich bin neugierig, denn ich habe noch nie eine echte Frau erlebt. Eine, die ich nachahmen möchte. Eine die mir ein Vorbild ist. Da diese jedoch nicht nur beliebt zu sein, sondern auch eine positive Wirkung auf die Menschen zu haben scheint, möchte ich sie auf jeden Fall auch sehen. Ich will sie ganz genau beobachten und studieren.

Dafür nehme ich eine lange Reise in Kauf, denn gerade ist sie in einem fernen Land. Dort ist es sehr warm und es hat sich bereits eine große Menschenmenge versammelt, die auf ihre Ankunft wartet. Ich versuche ein Plätzchen zu ergattern. Es ist ein Ort an einem Fluss. Es führt ein Holzsteg darüber und drum herum sind Gerüste aufgebaut, auf denen die Menschen teils sitzen, teils stehen. Riesige Trauben von Menschen. Die meisten von ihnen sind Männer. Es ist so voll, dass ich mich langsam frage, wie ich sie denn sehen soll, wenn sie auftaucht. Mit der Zeit werde ich vom Stehen müde. Es sind so unfassbar viele Menschen da und sie alle sind in freudiger Erwartung.

Ich unterhalte mich mit einigen und frage diejenigen die sie schon mal gesehen haben wie sie denn so ist. Sie erzählen mir, dass man sich in ihrer Gegenwart sehr wohl fühlt, dass sie ihnen ein großer Trost ist und dass sie so viel Liebe ausstrahlt, dass sie dadurch selbst gutmütig und sanft werden. Denn die Begegnung mit ihr ist wie ein warmer Sonnenstrahl, er geht mitten ins Herz und bewirkt Veränderungen. Eben eine echte Frau. Deshalb reisen sie ihr auch überall hin hinterher. Dabei seien es keine öffentlichen Auftritte von ihr, sie würde einfach die Welt bereisen und die Menschen mit ihrer Anwesenheit berühren und erfreuen.

Das hört sich ja wirklich großartig an, denke ich. Was für ein Glück dass ich von ihr gehört habe. Sicherlich kann ich viel von ihr lernen und mich inspirieren lassen. Ganz im Gespräch mit den Menschen vertieft habe ich dem Steg, auf dem sie erscheinen soll den Rücken gekehrt, während mein Gesprächspartner ihn im Blickfeld hat. Wir reden und reden und viele Menschen um uns herum mischen sich in das Gespräch mit ein und geben ihrerseits ihre Erlebnisse mit dieser wunderbaren Frau kund. Alle sind durchweg begeistert. Eine tolle Frau, muss man mal erlebt haben.

Doch mitten im Gespräch fängt die Menschenmasse an auseinander zu gehen. Warum geht ihr, frage ich ? Na, sie war doch schon da, hast du sie denn nicht gesehen ? Ich bin maßlos enttäuscht. Nun habe ich mir exra so viel Mühe gemacht und habe sie durch das viele Reden verpasst. Wie unaufmerksam von mir. Wie konnte mir das nur passeren ?

Doch ich gebe nicht auf. Ich reise zu dem nächsten Ort wo sie erwartet wird. Dieses mal ist es ein Land in Lateinamerika. Und wieder begegne ich Menschen, die voller Begeisterung von ihr berichten. Männer und Frauen, denen sie ein Vorbild ist. Alle sind sich einig. So ein warmherziges Wesen, eine echte Vorbild Frau.

Ich lerne ganz viele neue Menschen kennen, höre unzählige Erzählungen, doch nie begegne ich ihr selbst. Was mir auffällt ist, dass sich niemand über ihr Aussehen oder ihr Alter äußert, sosehr ich auch nachfrage. Alle erzählen sie mir, wie sie sich in ihrer Gegenwart fühlen.

Ich bin fest entschlossen ihr zu begegnen. So folge ich unablässig ihren Spuren und reise ihr hinterher. Doch immer wenn ich irgendwo ankomme, ist sie gerade wieder weg. Ich fühle, wie ich langsam in den Selbstvorwurf gehe. Warum gelingt es mir nicht, warum schaffe ich es nicht ? Was mache ich falsch, dass ich sie immer knapp verpasse ? Andere Menschen schaffen es doch sie zu sehen, warum ich nicht ?

So reise und reise ich, bis ich eines Tages ganz ermattet und frustriert bin. Es ist wieder an einem Tag, an dem alle Menschen sie gesehen haben, alle – außer mir. Es ist abends und es ist bereits dunkel. Ich begegne glücklichen Menschen, glücklich, weil sie SIE gesehen haben. Und ich bin schon sehr müde, müde vor Enttäuschungen, müde vom Suchen.

Ich sehe keine andere Wahl mehr, als aufzugeben. Es hat ja keinen Sinn. Und ich drehe um. Drehe den Menschen, die etwas erlebt haben, was mir offensichtlich nicht zu steht, den Rücken zu und gehe. Ich gebe auf. Es ist mir wohl nicht vergönnt sie zu sehen.

In diesem Moment stellt sich eine Gestalt vor mir. Ich kann nicht genau erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Was ich sehe ist, dass ihr Körper ist nicht ganz so dicht wie der bei uns Menschen ist und aus reinem Mondlicht zu bestehen scheint. Sie schaut mich kurz an und sagt direkt in mein Herz hinein:

Du kannst die Vorbildfrau nicht finden, denn sie ist in dir.

So wie in jeder einzelnen Frau dieser Welt.

Geh deinen Weg und lebe dich.

Noch bevor ich mich von der Überraschung erholen kann, ist die Figur auch schon wieder verschwunden. Doch ihre Stimme hallt noch lange in mir nach. Sie wiederholt mehrfach:

Für die Frauen dieser Welt ♥  Schreib ♥

 

Shelly und John

Auch wenn diese Geschichte von einem wahren Wunder handelt, ist es keine Weihnachtsgeschichte im eigentlichen Sinne. Dennoch ist es mir wichtig, dass sie das heutige Datum trägt…denke ich doch jedes Jahr zu Heiligabend mit einem inneren Lächeln daran. Was ich hier erzähle habe ich selbst erlebt. Ich habe dabei nichts ausgeschmückt und mir nichts ausgedacht. Und es hat sich ganz genau so zugetragen. Wort für Wort. Keines davon ist künstlerische Freiheit, oder Phantasie. Obwohl es für das Unsagbare keine Worte gibt. Darum bin ich bin heilfroh, dass ich dabei nicht alleine war. Ich bin mir sicher, das hätte mir sonst niemand geglaubt. Doch lies selbst…

Meine erste Begegnung mit den englisch sprechenden Zwillingen war – nun sagen wir mal – unromantisch. Ich kam gerade von Einkaufen und sah beim Verlassen des Gebäudes die beiden Vagabunden am Ausgang stehen. Es war nicht das erste mal, dass sie dort herumlungerten, ich hatte sie oft an diesem Supermarkt angetroffen. Immer unzertrennlich, immer alkoholisiert und fluchend. Diesmal beobachtete ich, wie Passanten die Störenfriede angriffen und sich eine Schlägerei anbahnte. Die beiden waren natürlich viel zu betrunken, um sich verteidigen zu können. Das erregte meinen Gerechtigkeitssinn und mit den Worten – das ist doch nicht fair ! –  ging ich spontan dazwischen. Und kurzerhand fing ich einen Kinnhaken von demjenigen ab, den ich eigentlich verteidigen wollte. Es schepperte gehörig und ich verstand die Welt gerade nicht. Enttäuscht und mit schmerzendem Kopf ging ich.

Viele Monate später stand ich abends auf der Straße und hoffte sehnlichst auf ein freies Taxi. Ich war – wie so oft – zu spät für eine geschäftliche Verabredung dran und ein Taxi war meine letzte Hoffnung. Damit ich vielleicht wenigtens im „Akademischen Viertel“ bleibe. Ich trug ein taubenblaues Kostüm mit einem Rock, der gerade als züchtig durchging und passend dazu meine taubenblauen Highheels. Unruhig starrte ich in die Dunkelheit und betete dabei zum Taxigott. Während ich mich konzentrierte um das – hoffentlich bald –  heran nahende Auto nicht zu übersehen, bemerkte ich die beiden Gestalten, die sich langsam näherten. Shelly und John. Mit Beuteln beladen und schwankend. Wie immer. Sie kamen auf mich zu, stellten sich neben mich und machten ihre Späße.

Denjenigen, die des Englischen nicht so mächtig sind, wie ich zu diesem Zeitpunkt, möchte ich zum besseren Verständnis der folgenden Unterhaltung erklären, dass im Englischen cab – das Auto ist, cap – Mütze, Kappe.

Einer der beiden fragte: What are you looking for? (dt. Was machst du hier ? ) (Ich warte auf ein Taxi, im englischen cab) I’m waiting for a cap – antwortete ich und stierte dabei weiter beschwörend in die Nacht. Natürlich erkannten sie mich nicht. Sie blödelten weiter – ah, for a cap, to put it on your head? Und er machte eine Handbewegung, als würde er sich etwas auf dem Kopf setzen. Ich hatte also das Wort cab nicht richtig ausgesprochen. No, I’m waiting for a taxi. Ahhh, antwortete er und grinste mich dabei spöttisch an – you wait for a cab.

Wie sollte es auch anders sein, in diesem Moment näherte sich langsam ein Taxi und die beiden fingen wie irre an mit den Armen zu fuchteln. Das Auto hielt und der Fahrer beäugte die beiden, die eindeutig keine normalen Menschen waren, argwöhnisch. Sie waren nun mal Obdachlose und sahen auch so aus. Offensichtlich waren sie heute im Gegensatz zum letzten mal in guter Laune und redeten gleichzeitig auf den Fahrer und auf mich ein. Sie wollten ein Stück mitfahren, sagten sie. Mit einem Taxi waren sie schon lange nicht mehr mitgefahren, erzählten sie provokant. Der Fahrer mussterte sie angewiedert von oben nach unten, verzog das Gesicht und schüttelte mit dem Kopf. Kommt nicht in Frage. Ich stieg ein und sagte, doch, doch, wir nehmen sie mit. Ich kenne die beiden. Kein Problem. Und sagte es ihnen dann auf englisch: Ok, steigt ein. An ihren erstaunten Gesicher sah ich, dass sie damit nun gar nicht gerechnet hatten. Plötzlich waren sie ganz aufgeregt, rafften ihre Tüten und versuchten sich linkisch ins Auto zu setzen. Der eine vorn, neben dem Fahrer, der andere hinten, neben mir. An diesem Tag erfuhr ich ihre Namen – Shelly und John. Eineige Zwillinge. Aus Irland. Ihre Gesichter strahlten, das des Taxifahrers blieb mißtrauisch und unzufrieden. Jedes mal, wenn sein Blick auf die riesigen Tüten in ihren Händen fielen, wurde der Blick noch ein wenig finsterer. Doch Shelly und John waren glücklich wie Kinder. Sie plapperten und schauten staunend in die vorbeihuschenden Nacht.

Wohin fährst du überhaupt – wollten sie wissen. Zum Zoo – antwortete ich. Oh cool, sagten sie dann. Immer noch ganz überrascht darüber, dass aus dem Spaß Ernst geworden war und sie in einem Taxi fuhren. Dann können wir doch tatsächlich mal das Brandenburger Tor sehen. Das wollten wir schon immer. Soll ich euch dort rauslassen –  fragte ich. Ja, das ist eine gute Idee – sagte Shelly. Oder war es doch John ? Sie sahen sich sehr ähnlich. Zumindest äusserlich. Nicht sonderlich gross, schmächtig, mit etwas längeren gelockten Haaren, die noch blond waren, wasserblaue Augen. Ihre Gesichter hatten feine Züge und aus irgendeinem Grund erinnernten mich beide an Könige. Kurz vor dem Brandenburger Tor fragte er dann: Kannst du mir fünf Euro geben? Na, na, nun übertreib mal nicht – sagte ich – ich nehm dich mit dem Taxi mit und geb dir noch Geld. Ach komm, sagte er und legte einen flirtenden Blick auf, sei mal nicht so. Drei Euro gebe ich dir, sagte ich. Und wieder konnte ich an seinem erstaunten Gesichtsausdruck sehen, dass er nicht damit gerechnet hatte, überhaupt etwas zu bekommen. Er hatte „nur so“ gefragt. Als sie ausstiegen, atmete der Taxifahrer deutlich erleichtert auf. Auf ihr freundliches bye bye antwortete er auch nicht. Er war sichtbar durcheinander und begriff nicht, wie so eine feine Frau wie ich solche Freunde haben könnte. Für mich war es eine schöne Begebenheit, hatte ich doch etwas erlebt, womit ich nicht gerechnet hatte, als ich an diesem Abend von zu Hause losging.

Es dauerte einige Monate, bis sich unsere Wege erneut kreuzten. Dieses mal war meine Tochter dabei. Es war ein einem ganz gewöhnlichen Sonntag, kurz nach dem Mittagessen. Wir fuhren mit der Straßenbahn, um eine Freundin zum Kaffee zu besuchen. Die Bahn war recht voll, es waren wohl auch andere Menschen dabei Sonntagsnachmittag Besuche zu machen. Die Straßenbahn hielt und es stiegen einige Menschen ein. Kurz bevor die Türen sich schlossen, erschienen zwei Hände, die sich an der Tür festhielten, sodass diese nicht schließen konnte. Was war los? Warum ging es nicht weiter? Dann sah ich es – es waren Shelly und John, die so betrunken waren, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Shelly hielt sich an den beiden Türflügeln fest und er war unfähig einen Schritt nach vorn zu machen. John schob ihn von hinten. Aber es ging weder vor noch zurück – so betrunken war er. Der Fahrer fluchte – er wollte gern weiterfahren, aber er konnte nicht, da ein Mensch in der Tür hing, die dadurch auch nicht geschlossen werden konnte.

Am hellerltichen Tage so besoffen – hörte ich – was für eine Schande. Abwertende Blicke verfolgten das Geschehen, meine Tochter selbst war über die Trunkenbolde entsetzt. Schmeißt die doch raus – riefen die Fahrgäste. Geht nicht – antwortete der Fahrer – die hängen in der Tür fest. Und es folgte eine erneute Schimpftirade. Irgendwie gelangten die beiden in die Bahn, auf allen Vieren kriechend, aber sie waren drinnen. Und die Straßenbahn konnte weiterfahren. Da kein Platz mehr frei war, stellten sie sich auf die Drehplattform, die die beiden Tramwagen miteinander verbindet. Die Straßenbahn fuhr an und die beiden, die gar kein Gleichgewicht mehr hatten schwankten und torkelten gegen den Rhythmus. Die Menschen in der Bahn schmissen ihnen angeekelte Blicke zu, bedachten sie mit bösen Worten und sicherlich noch böseren Gedanken. Das war doch Abschaum. Ihre Augen waren trübe, ihre Bewegungen unkontrolliert und sie waren einfach nur abstoßend. Meine Tochter rückte näher an mich. Offensichtlich machten ihr die beiden Männer, die gerade wenig Menschliches an sich hatten Angst. Auch sie schaute mit angewiedertem Blick zu ihnen und sagte – die sind aber betrunken. Ja, das sind sie. Aber mach dir keine Sorgen mein Kind. Ich kenne sie. Ruckartig flog ihr Kopf zu mir und sie presste hervor – waaas, solche Menschen kennst du, Mama. Sie verzog das Gesicht und wusste nicht so recht, ob sie mir glauben sollte. Es war doch unmöglich, dass ihre Mutter solche Menschen kannte.

Einen winzigen Moment später ging eine Bewegung durch Shelly. Langsam, ganz langsam hob er die Augen und schaute in die Richtung, aus der über ihn gesprochen wurde. Unsere Blicke begegneten sich. Ich nickte kaum merklich und sagte innerlich, ja, du fühlst richtig, wir kennen uns. Meine Tochter sah diesen langen Blickaustausch und wurde unruhig. Hatte ihre Mutter etwa die Wahrheit gesagt? Ich sah, wie es in Shellys Kopf arbeitete und in seinen Augen flackerte ein kurzes Erkennen auf. Er versuchte in meine Richtung zu gehen, was ihm in seinem Zustand fast unmöglich war. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Milimeter für Milimeter bewegte er sich vorwärts, bis es irgendwann auch die anderen Gäste bemerkten. Es entstand Aufregung und ich nahm wahr, dass einige meinten aufspringen zu müssen, um uns dieses Scheusal vom Hals zu halten und uns zu beschützen. Doch natürlich tat es niemand. Irgendwann stand Shelly vor uns und meine Tochter hielt den Atem an. So ein eklicher Kerl, betrunken, schmutzig, abstoßend. Jetzt schaute er mir direkt in den Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Ich grinste ihn freundlich an – yes, we know us.

Es war ihm deutlich an zu sehen wie sehr er sich anstrengte, doch dann nickte er ganz langsam und bedacht. You?  Sagte er erfreut. “ Ja“ – antwortete ich. Ebenso erfreut.

Dann geschah es

Zu aller erst verwandelten sich seine Augen. Aus dem unlebendigen, schmutzigen grau wurden zwei strahlend blaue Sterne, die voller Liebe, Klarheit und Achtung auf mich blickten. Dann straffte sich sein Körper und nichts erinnerte mehr daran, dass er vor wenigen Minuten noch ein Betrunkener war. Ein zartes Leuchten ging von seiner Gesichtshaut aus und er schaute nach links zu meiner Tochter, um mir dann erneut mit seinem liebevollen Blick in die Augen zu schauen. „But tell me, who is thats beauty on your site?“ (dt. Sage mir, wer ist diese Schönheit neben dir?) „Das ist meine Tochter“ – antwortete ich stolz. Als er seine Hände hob, sah ich aus den Augenwinkeln wie einige Männer aufsprangen, doch was dann kam, ließ sie auf ihren Plätzen verharren. Er hielt seine Hände segnend über unsere Köpfe und eine unglaubliche Liebe strahlte aus ihm aus. Er schaute uns mit gütigen Augen an und sagte  –
I LOVE YOU. Er sprach mit der Würde, mit der man eine mächtige Zauberformel ausspricht. Dabei sah er wie ein Heiliger aus und sein I LOVE YOU ließ keinen Zweifel daran, dass er Menschenliebe damit meinte. Und dass diese aus tiefstem Herzen kam. Er wiederholte es noch zwei weitere male. Dann bekam er die unwissenden Augen eines Trunkenbolds, sackte in sich zusammen und schwankte zu seinem Platz zurück.

In diesem Moment schickte die Nachmittagssonne einen satten, goldenen Strahl in die Bahn und erhellte sie. Wie nach der Kinovorstellung, wenn nach einem unerwarteten Filmende die Scheinwerfer an gehen. Die Zuschauer blinzelten und in ihren Augen sah ich Unverständnis und Überraschung . Sie konnten das eben Erlebte nicht einordnen. Keiner sprach ein Wort. Ich war ebenso sehr überrascht, spürte mich jedoch gleichzeitig von einer übermenschlichen Liebe und Kraft umhüllt, die mein Herz wärmte. Die Straßenbahn hielt und es war die Haltestelle an der wir aussteigen mussten. Wir standen auf dem Bürgersteig und sahen noch ein mal zur Straßenbahn hin. Die Gesichter der Menschen waren uns noch immer zugewandt und sie waren noch immer sprachlos. Meine weise Tochter hatte längst verstanden. „So etwas habe ich ja noch nie erlebt“ sagte sie. „Der war ja total lieb zu uns. Mama, das ist ja wirklich ein sehr guter Freund. Ich glaube, von jetzt an, habe ich eine ganz andere Meinung über Obdachlose und Alkoholiker.“

Es sollten einige Jahre vergehen, bis wir uns wieder begegneten. Es war der 24. Dezember und ich hatte meine Einkäufe längst erledigt. Ich hasste es auf den letzten Drücker Besorgungen zu machen und mir das heilige Gefühl, das ich an diesem Tag empfand von Hecktick vermiesen zu lassen. Wie an jedem Heiligabend wollte ich einen Wunschbrot backen. Es ist eine Tradition, die aus meiner Heimat Bulgarien stammt. In einem flachen, runden Brot werden kleine Zettel mit Wünschen, sowie ein Geldstück gesteckt. Wer das Geldstück bekam hatte im nächsten Jahr das Glück. Alles hatte ich bereits zu Hause – bis auf das Natron, das hatte ich vergessen. Also, mußte ich doch noch ein mal los. Ich zog meinen langen schwarzen Mantel an, band meinen feinen indischen Schal um und ging zur Markthalle. Während ich in dem nahezu leeren Regal nach bitte, bitte noch ein Tütchen Natron suchte, hörte ich ein herausforderndes original irisches „Hello“. Da niemand antwortete, nochmals lauter „Hello“. Ich sah entsetzte Gesichter und angeekelte Grimassen. Für mich war es ein Grund  auf den Gang heraus zu treten, um nach zu schauen. Denn innerlich hoffte ich …das könnte doch …Er schimpfte weiter. „Any body here, who can give me fucking 47 cent?“ (Ist hier jemand, der mir verfi….47 cent geben kann?)

Ja, es war Shelly. Aber ich war über die Veränderung in seinem Gesicht erschrocken. Er war um Jahre gealtert, stark ergraut und hatte keine Vorderzähne mehr. Der Alkohol hatte deutliche Zeichen hinterlassen. Seine Kleidung war schäbig und sein Körper ausgemergelt. Von Weitem rief ich laut – Hello. Ruckartig drehte er sich um und suchte überrascht nach der Person, die seinen nicht ernst gemeinten Gruß erwiderte. Die Menschen um mich herum beäugten mich mißtrauisch und blieben vorsichtshalber in Deckung. Ist die verrückt? So sieht sie ja gar nicht aus. Doch er erkannte mich und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Er freute sich und war gleichzeitig verlegen. „You?“ Ich nickte. „You look so beautyful – like always.  And me, I’m drank“  und ich antwortete liebevoll “ like always.“ Wir lachten beide. Er trat einen Schritt zurück und schaute mich bewundernd an. Dann kam er erneut auf mich zu und berührte meinen Schal. Und wie so oft sah ich entsetzte Gesichter und Unverständnis um uns herum. Was für ein ungleiches Paar!  „Do you know the movie Dr. Shivago?“ fragte er. „Yes, I do“ – anwortete ich. „Du siehst aus, wie die Hauptdarstellerin, so fein und so elegant. Wie eine Königin.“ Erstaunlicherweise fühlte ich mich in diesem Moment auch wie eine Königin und spürte seine tiefe Hochachtung zu mir. Und Liebe zwischen uns beiden. Ganz so, als kennen wir uns aus einer vergangenen Zeit. Eine Zeit in der wir beide auf einem Thron sassen. Traurig sagte er – „und ich, ich seh schrecklich aus.“ “ Nein, tust du nicht“ sagte ich. „Du siehst aus wie immer. Und außerdem, weißt du nicht, was heute für ein Tag ist?“ Ich sah Hoffnung in seinen Augen, als er mich anschaute. „Heute ist Heilig Abend“ sagte ich. „Ja, ich weiß sagte er. Und ich kann mir nicht mal ein Bier kaufen. Niemand ist bereit mir 47 cent zu schenken.“ “ Doch“ sagte ich „ich gebe sie dir.“ Er wurde verlegen. „Nein lass, von dir möchte ich kein Geld.“ „Ach komm sagte ich, es ist doch Weihnachten.“ Ja, ja“ sagte er. „Aber was soll daran schon besonders sein.“

„Weißt du denn nicht “ sagte ich „Dieses Weihnachten ist ein ganz besonderes Weihnachten, alles was du dir wünscht wir dir erfüllt.“  Jetzt endlich strahlte er und sein Gesicht bekam etwas Kindliches. „Meinst du wirklich?“ „Aber ja“ sagte ich „ich weiß es ganz genau. Make a wish! “ Und er wiederholte „a wish!“

Ich habe seitdem Shelly nie wieder gesehen. Ich hoffe alle seine Wünsche sind ihm erfüllt worden.

Ich bin in meinem Leben vielen, vielen Engeln begegnet. Einige von Ihnen waren als Obdachlose, Bettler oder  Behinderte getarnt. Doch ich habe sie trotz ihrer Verleidung alle erkannt. An ihren Augen und an dem Unsagbaren…

Die Bestie

Das ist eine wahre Geschichte, die ich selbst erlebt habe. Sie handelt diesmal nicht vom Wasser. Jedenfalls nicht auf dem ersten Blick. Doch irgendwie ist das Wasser schon anwesend, denn auch hierbei geht es um das sich Hin-Geben. Und was dadurch entstehen kann. Das Leben will uns mit Erfahrung und Weisheit beschenken. Damit wir es einfacher haben. Dafür kommuniziert es in Bildern und Symbolen mit uns. Es liegt an unserer Bereitschaft hinter den Kulissen jeder Situation zu schauen, um die Botschaft darin zu entdecken. Ich gebe zu, es fällt nicht immer leicht. Es lohnt sich jedoch in jedem Fall mal die Sicht zu wechseln und es völlig anders zu betrachten. Und ich möchte dich mit dieser Geschichte vom Herzen darin ermutigen. Probiere es beim nächsten mal aus und erfreue dich an der neuen Erfahrung ♥

Meine heute sehr innige Beziehung mit den wunderbaren Hundewesen begann änhlich widersprüchlich wie die mit dem Wasser. Ich war ein kleines Mädchen, vielleicht gerade sieben Jahre alt und auf meinen üblichen Streifzügen durch meine Heimatstadt Sofia. Es war die schönste Zeit des Jahres – es waren Sommerferien. Nebenbei gesagt dauern die Sommerferien in Bulgarien ganze drei Monate lang. Herrlich! Ich hatte keine Freunde und war dadurch meist allein unterwegs. Zum besseren Verständnis der Geschichte möchte ich anfügen, dass es keinesfalls so war, dass ich keine Freunde haben wollte. Ich hatte einfach keine und fand auch nirgendwo Anschluss. Meine Ansichten und die Dinge, an denen ich mich erfreute, wichen schon damals etwas von der allgemeinen Norm ab. So hatte ich mich daran gewöht meine eigenen Wege zu gehen. Ich liebte es Menschen und die Farben des Lebens zu beobachten, planlos die Stadt abzulaufen, dabei neue Orte zu entdecken und mich dabei frei zu fühlen. Bei solch einem Streifzug heftete sich ein grosser Hund an meine Fersen.

Ich sehe das Bild noch heute vor meinen Augen – es war ein riesiger, herrenloser, altdeutscher Schäferhund. In Bulgarien gab und gibt es noch immer herrenlose Hunde. Vor allem grosse. Denn es sind die grossen Hunde, die am meisten Kosten und Mühe verursachten. Sei es an Futter, Platz oder Zuwendung. Also wurden sie einfach auf die Strasse gejagt, sobald sie keine niedlichen Welpen mehr waren und unbequem wurden. Es kam vor, dass sich die Hunde dann zu Rudel zusammenschlossen und wieder wild wurden. Obwohl ich Tiere immer sehr geliebt habe, hatte ich Angst vor grossen Hunden, grosse Angst sogar. Und vor diesem ganz besonders. Er sah furchteinflösend aus und es war eindeutig, dass er es auf mich abgesehen hatte. So wie er mich anschautete. Und es war weit und breit niemand in der Nähe, den ich um Hilfe bitten konnte.

Während der Sommerferien sind die Strassen allerorts wie leergefegt. Also versuchte ich unauffällig die Flucht zu ergreifen und begann schneller zu gehen. Doch er holte auf. Ich hatte schreckliche Angst und mein Herz klopfte wie wild. In meiner Not stürmte ich in das Gebäude, das mir amnächsten war. Ich würde irgendwo klingeln und um Hilfe bitten. Dies war jedoch kein Wohnhaus, sondern ein Amt. Ich lief die Treppen hinauf, doch das Ungeheuer von Hund folgte mir. Ich bog links durch die Glastür in den Gang ein und versuchte die erstbeste Tür zu öffnen. Doch leider war diese verschlossen. Ich versuchte es an der nächstfolgenden, doch auch diese öffnete sich nicht. Voller Panik drückte ich Klinke für Klinke an jeder Tür, doch alle waren sie verschlossen. Ich hatte wohl die Mittagspause erwischt. Irgendwann kam ich an die letzte Tür, die ebenso geschlossen blieb. Der Gang war hiermit zu Ende, es kam nur noch die Wand. Und der Hund hatte aufgeholt und war mir schon ganz nahe.

Voller Angst stellte ich mich mit dem Rücken an die Wand und hoffte, es würde sich eine unsichtbare Tür hinter mir öffnen oder doch noch ein Erwachsener auftauchen. Doch leider war ich ganz allein und dieser Bestie von Hund ausgeliefert. Im nächsten Moment nahm er Anlauf, rannte auf mich zu und sprang mich an. Auf den Hinterbeinen aufgerichtet sah er noch viel grösser aus. Ich sah nur noch seinen Bauch vor mir und kniff die Augen zusammen, weil ich diesen Schrecken nicht mehr ertrug. Meine Atmung setzte aus und ich war auf das Schlimmste gefasst.

Doch was dann geschah, veränderte mein ganzes Leben und mein Verhältnis zu Hunden. Er legte seine Pfoten auf meine Schulter….und begann freudig mein Gesicht ab zu lecken. Er war überglücklich und ich verstand ganz genau was er mir zu sagen versuchte – er war einsam und er suchte einen Freund, einen Gefährten. Ich streichelte seinen riesigen Körper, er wedelte freudig mit dem Schwanz und schaute mich aus treuen Augen an. “Sag, was ich für dich tun soll „ schien er mir zu sagen. “Komm mit, wir spielen zusammen „ sprudelte es aus mir heraus. Und er folgte mir in einer Ergebenheit, wie nur Hunde sie haben.

Ich verlies das Gebäude mit dem Hund an meiner Seite und war eine andere als die, die reingegangen war. Ich war in Gespräch mit einem Lebewesen, ohne mit ihm zu sprechen. Das hat mein Herz zutiefst berührt und mit grosser Freude erfüllt. Dieses Gefühl der Freude ist etwas, woran ich bis zum heutigen Tag erkenne, wenn ein wortloser Austausch mit einem Naturwesen erfolgt.

Als wir am Ausgang waren, kamen uns einige Beamte entgegen, die nun den Weg in ihre Büros nahmen. Doch ich brauchte sie nicht mehr. Ich ging mit dem Hund auf dem gegenüberliegenden Spielplatz, setzte ihn in eine Schaukel und mich auf die andere Seite. Damit sein riesiger Körper auf die Sitzfläche passte musste er sich richtig einquetschen. Er lies sich jedoch alles gefallen und schaute mich dabei noch dankbar an. Noch heute erinnere ich mich an das unendliche Glücksgefühl, das wir beide dabei empfanden. Und an die überraschten Blicke der Passanten, die vorbei kamen. So etwas hatten sie noch nicht gesehen – ein riesiger Hund und ein kleines Mädchen schaukelten gemeinsam und freuten sich dabei.

Dieses Tierwesen ermöglichte  mir eine ganz besondere Erfahrung und sie war der Beginn für viele weitere berührende Begegnungen mit Hunden. Die teilweise an Wunder grenzten.

Das symbolhafte der Situation selbst hingegen – dass erst meine völlige Hingabe an das was ist den Dingen eine ganz andere Richtung verlieh – begegnete mir im Leben noch unzählige male. Und es dauerte eine Ewigkeit bis ich es verstand, dass es in den meisten Fällen lohnenswerter ist sich dem Fluss des Lebens hinzugeben, anstatt sich im „dagegen Kämpfen“ zu versteifen. Und noch einmal so lange bis ich es tatsächlich wagte. Mich hin zu geben und ganz und gar dem was ist in tiefem Vertrauen an das Leben zu überlassen. Das war der Moment, in dem das das Wasser begann sich mir zu offenbaren. Doch dies ist eine andere Geschichte…

 

 

 

 

Wassergedanken

In diesem Jahr bin ich endlich dem Ruf des Wasserwesens gefolgt, das mich seit längerer Zeit auffordert mich näher mit ihm zu beschäftigen. Dadurch habe ich mich auf ein Abenteuer begeben, das noch immer andauert und dessen Sinn sich tröpfchenweise vor mir entfaltet. Damit der Anfang des Weges sich mir überhaupt offenbaren konnte, musste ich zunächst in meine eigenen Tiefen hinabsteigen. Was dann erfolgte war so ungewöhnlich wie wundervoll und es hat unendlich viele Erkenntnisse und Botschaften eingebracht, sodass ich kaum mit dem Schreiben hinterher komme. Heute kam eine zum Thema Weiblichkeit, die durchaus nicht nur auf Frauen zutrifft. Ich hatte noch nicht vor den Text zu veröffentlichen, bevor alles sortiert ist. Doch hat mich eine ganz liebe Freundin ausdrücklich darum gebeten. Sie meinte, sie habe durch die Worte darin auf eine besondere Weise Heilung erfahren. Wohlan !!! Es ist aus meinem Herzen geschrieben, In tiefer Liebe zu dir du wunderbares Wesen.
Mögest du Mann oder Frau sein  ♥Ekaterina El Batal ♥

Immer wieder erlebe ich es in letzter Zeit, dass von Weiblichkeit gesprochen wird. Insbesondere von Frauen. Gern werden in diesem Zusammenhang Begriffe wie Göttin, Urweiblichkeit, Lilith, wilde Frau, Königin verwendet. Ich kann darin eine sehr grosse Sehnsucht wahrnehmen, die ich durchaus selbst teile.

Wer will es nicht – in der eigenen Kraft ruhen und sich aus ihr heraus ein Leben erschaffen, das nur noch vor Freude, Fülle, Gelassenheit und Liebe auf allen Ebenen strotzt. Ein Leben in der eigenen Würde und Selbstkenntnis. Allerdings wenn man hinterfragt, stellt sich heraus, dass zur Weiblichkeit wenig Vorstellung existiert. Es ist ein Wunsch, wie ein feststehender Titel, ganz so als wüsste das Universum schon, was damit gemeint ist.

Doch, was bedeutet es überhaupt in seiner Weiblichkeit zu sein? Der weibliche Körper und das Geschlecht allein scheinen hier als Kriterium nicht zu genügen. Es ist wohl eher eine Empfindung, ein Zustand, ein Gefühl. Doch welches ??? Worin unterscheidet sich das Weibliche vom Männlichen und was macht das echte Weibliche aus ? Das Weibliche ist im Yin Yang Zeichen der Dunkle Pol, das Schwarze Teil. Auch gern das Negative bezeichnet, wobei es sich hierbei nicht um eine Wertung handelt, sondern lediglich um das Gegenteil von Positiv.

Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, Dunkelheit ist etwas, das uns Menschen sehr schreckt. Erst recht wenn es um die eigene Dunkelheit geht. Die Dunkelheit in die wir alle unliebsamen Gefühle, Gedanken, Ängste oder Situationen verbannen an die wir uns nicht gern erinnern. Der tiefe Brunnen, in dem wir im Vorbeigehen alles hinein schmeissen, das wir nie wieder sehen wollen. Bestenfalls hören wir es in dem brakigen Wasser plumpsen, mehr auch nicht. Und dann ist es schon wieder vergessen. Hoffentlich!

Das Wasser selbst steht symbolisch ebenso für die Weiblichkeit. Es ist nämlich das einzige der Elemente, das erschaffen kann. Das können wir u.a. daran beobachten, das jedes Leben auf der Erde in oder durch Wasser entsteht. Und in der Dunkelheit. Die Pflanzen in der dunklen Erde, Tiere und Menschen in der Dunkelheit der Gebärmutter. Dabei ist das Neue Leben nicht vorhersehbar, es ist nicht planbar, es bleibt so lange im Verborgenen, bis es „Das Licht der Welt“ erblickt. Erst dann wird die neue Schöpfung für alle sicht- und anfassbar. Dies ist ein höchst weiblicher Prozess, der sich auf alle Bereiche unseres Lebens anwenden lässt.

Doch selbst als Frau geben wir uns dem nur sehr zögerlich hin. Er ist nämlich nicht kontrollierbar und entsteht teilweise völlig ohne unser Zutun. Dabei geht es darum bedingungslos zu vertrauen, sich bedingungslos hinzugeben und Geduld zu haben. Mal ehrlich, welche dieser Eigenschaften haben wir antrainiert und gelernt bekommen ? Hat man uns nicht eher das Gegenteil beigebracht ? Wie sehr vertrauen wir dem Fluss des Lebens wirklich und sind bereit jeden Ein-Fluss völlig aufzugeben ? Und dann frage dich – wie sehr bin ich von der Göttin in mir entfernt ? Wobei ich nicht glaube, dass wir erst eine Göttin werden müssen, sondern dass wir uns lediglich darüber bewusst werden dürfen, durch welche Eigenschaften die Weiblichkeit charakterisiert wird und wir diese dann mit unserer Absicht stärken.

Wie immer finden wir hierzu Gleichnisse in der Natur. Die Erde empfängt das Korn, lässt es in sich reifen und wenn die Zeit reif ist, entsteht daraus der Keimling, der sich durch die Dunkelheit windet und ins Licht, in die neue Welt geht. Doch, damit das neue Leben enstehen kann, setzt es voraus, dass die Erde – das Weiblichste aller Weiblichen bereit ist zu empfangen, an zu nehmen. Und dann frage dich einmal selbst, wie es bei dir um das Annehmen bestellt ist.

Nimmst du bereitwillig an, was das Leben dir bietet, oder fragst du vorher noch mal nach, ob es vielleicht etwas Besseres gibt ? Oder ob es möglicherweise eine Falle ist und du misstrauisch sein musst ? Oder ob du die Annahme nicht sofort mit einer Abgabe honorieren musst ? Oder gleich die Annahme verweigerst, weil … Gründe gibt es hier sicher viele. Du kannst selbst schauen welche auf dich zutreffen. Das kannst du mit dir ganz alleine klären, es hört dir ja niemand zu. Aber es wird dir helfen dir näher zu kommen und mehr über dich selbst zu erfahren. Und darüber wie oft wir die Geschenke des Lebens aus falsch verstandener Demut verweigern. Der kleine Prinz sagt hierzu: Die Demut des Herzens bedeutet nicht, dass du dich demütigen, sondern dass du dich öffnen sollst.

Öffne dich und erblühe – die Welt wartet auf deinen Duft.