Der Valentinstag

Da ist niemand der mich liebt. Ich fühle mich allein, unwichtig und klein. Dabei ist heute Valentinstag, der Tag der Liebe und der Liebenden. Doch genau der führt dazu, dass ich mich noch ungeliebter, noch einsamer, noch unwichtiger und noch kleiner fühle. Die Wunde meiner letzten Trennung ist noch ganz frisch und sie blutet. An diesem Tag ganz besonders.

Nicht genug, dass ich mich unter Schmerzen getrennt hatte, kurze Zeit darauf verkündete er nun die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Es störte ihn dabei keineswegs, dass mir das weh tat, im Gegenteil – er genoss es. In seinen Augen hatte ich ihn mit der Trennung doch auch verletzt. Was die neue Auserwählte am heutigen Tag erwartete wusste ich nur zu gut. Sie würde eine Pizza in Herzform von ihm bekommen und den üblichen Espresso ans Bett.

Und mich verwöhnt heute niemand. Keine Blumen, keine Liebesgesten, kein verliebter Blick. Kein du bist mir wichtig. Nichts. Nicht, dass ich jemals Wert auf Valentinstag gelegt hätte. Doch, wie sagt der italienische Dichter und Philosoph Dante so treffend: Nichts tut mehr weh, als sich im Unglück vergangenen Glücks zu erinnern.

Am Tag der Liebe spürte ich keine Liebe. Nur Ablehnung und unschöne Gedanken. Also beschloss ich zu Hause zu bleiben, um nicht die unzähligen Blumensträuße und Präsente in Herzform in den Händen verliebter Männer zu sehen. Ich versuchte mein Bestes, um den Schmerz in mir zu umgehen, jedoch nichts half. Wozu auch, es war ja sowieso niemand da, vor dem ich es verstecken muss.

Also gab ich mich meinem Elend voll und ganz hin. Ich hätte auch sicher den ganzen Tag zu Hause verbracht, wenn sich nicht irgendwann der Hunger sehr dringlich gemeldet hätte. Passend zu meiner Stimmung hatte ich nichts zu Essen da. Nicht einmal Brot. Und niemanden, den ich darum bitten konnte, den Einkauf für mich zu erledigen. Ich musste also raus, ob ich wollte oder nicht.

Allerdings hatte ich noch meinen Schlafanzug an und überhaupt keine Lust mich für diese halbe Stunde umzuziehen. Unwillig warf ich mir einen Mantel über mein Pygama und ging auf die Straße. Dabei kam mir ein absurder Gedanke in den Sinn : Wenn ich nun vom Auto überfahren werde und in die Notaufnahme muss, ist es ja total peinlich dass ich um diese Uhrzeit einen Schlafanzug anhabe. Geduscht bin ich ja auch noch nicht, stellte ich erschrocken fest.

Draußen angekommen hatte das Gefühl, dass jeder mit dem Finger auf mich zeigte „Da ist sie die Ungeliebte. Die der Liebe Unwürdige. Außerdem hat sie noch ihren Schlafanzug an.“ Ich vermied es die Menschen anzuschauen, am liebsten wäre ich jetzt unsichtbar. Als ich vor dem hell erleuchteten Supermarkt stand zögerte ich hinein zu gehen. Das war mir einfach zu viel Licht, zu viel Trubel. Das passte gerade nicht zu meinem Gemütszustand. Und außerdem konnte man in diesem Licht viel einfacher meine Hosen als Pygamahosen identifizieren als in der Dämmerung.

Ich ging also weiter und steuerte auf die nächste Bäckerei zu. „Ein halbes Roggenbrot bitte“ – sagte ich. “Wenn man allein ist, braucht man ja kein ganzes” – dachte ich. Der junge Mann schaut mich freundlich an und sagt: „Es tut mir leid, unser Roggenbrot ist alle. Soll es denn unbedingt Roggenbrot sein ?“ „Ja“ – nicke ich resigniert. Das passt ja perfekt zu meinem Unglück. Jetzt bekomme ich nicht mal mein Lieblingsbrot. Ich verabschiede mich höflich – der Verkäufer kann ja nichts dafür, dass mich niemand liebt – und drehe mich um, um den Laden zu verlassen.

Als ich gerade die Hand strecke, um die Tür aufzustoßen ruft mir der junge Verkäufer hinterher: Warten Sie bitte, darf es denn auch geschnittenes Roggenbrot sein ? „Ja, natürlich“ – erwiedere ich – „Hauptsache Roggenbrot.“ Etwas in mir beginnt zart zu lächeln, während ich zum Verkaufstresen zurück gehe: Na bitte so schlimm ist es nun auch nicht. Immerhin haben wir nun unser Lieblingsbrot. Der Mann überreicht mir die Tüte mit dem Brot und lächelt dabei wie ein Engel. „Das schenke ich Ihnen“– sagt er dabei. Und als meine Lippen noch ein lautloses „Warum“ formen, fügt er hinzu. „Das ist mein Geschenk an Sie. Immerhin ist heute Valentinstag.“ Während mein Verstand noch immer am „Warum“ hängt, läuft mein Herz gerade über vor Glück.

Ich habe tatsächlich eine Gabe zum Valentinstag bekommen. Und nicht irgendeine. In einem Land, in dem sich jeder Brot leisten kann, bekomme ich eines geschenkt. Ganz liebevoll, von einem Unbekannten, am Valentinstag. Zumal Brot für mich eine ganz besondere Bedeutung hat. Es hat etwas ursprüngliches, zutiefst irdisches und menschliches zugleich. Brot zu verschenken ist schon sehr speziell. Diese ungewöhnliche Geste indess sollte mir im Laufe der Jahre noch einige male begegnen. Dass mir in Momenten in denen ich mit dem Leben hadere, mir völlig unbekannte Menschen Brot schenken.

Die Tüte mit dem kostbarsten Brot der Welt in der Hand, mache ich mich – als eine ganz andere – auf dem Weg nach Hause. Ich fühle mich reich beschenkt, mein Herz pumpt rosa Liebesströme durch meinen Körper. Meine Schritte sind leicht und beschwingt. Mir ist etwas nicht alltägliches widerfahren und ich fühle einen tieferen Sinn dahinter. Ganz so, als hätte das Universum selbst mir zugewunken. Ich habe am Valentinstag Brot von einem Unbekannten geschenkt bekommen.

Die Brottüte schwenkend sehe ich plötzlich einen Mann auf dem Bürgersteig liegen. Ich kenne ihn, es ist Richard, ein Obdachloser. Ich habe ihm im Winter zuvor des Öfteren selbstgemachte Plätzchen gebracht, mich zu ihm gesetzt und ihm zugehört. Als seine Firma bankrott gegangen war, hatte ihn kurz darauf seine Frau verlassen und seit dem lebte er auf der Straße. Doch irgendetwas schien heute mit ihm nicht in Ordnung zu sein.

Er liegt auf dem Bauch und sein Kopf hängt von der Bordsteinkante auf der Straße. Er musste dort dringend weg. An seinem Blick und dem versuchten Lächeln sah ich, dass er mich zwar erkennt, doch nicht in der Lage ist zu reagieren. Richard ist ein großer Mann und es ist unmöglich ihn allein zu bewegen. Die Menschen schauen zu, wie ich mich abmühe ihn auf den Bürgersteig zu zerren und schauen dann gleichmütig wieder weg. Der große hilflose Mann, dessen Kopf auf der Straße hängt und die kleine Frau die versucht ihn von dort weg zu bringen, existieren in ihrer Realität nicht.

Von irgendwo her kommt ein weiterer Obdachloser langsam auf mich zu. Er geht mit einem Rollator und scheint in keiner guten körperlichen Verfassung zu sein. Trotzdem versucht er sich irgendwie nützlich zu machen. Mit der einen Hand stützt er sich am Rollator, mit der anderen freien Hand versucht er mit mir gemeinsam Richard zu bewegen. Was uns beim besten Willen nicht gelingt. Und wie in einer Parallelwelt gehen die Menschen weiterhin an uns vorbei. „ Bitte liebe Menschen – rufe ich verzweifelt in die Menge hinein – ich brauche Hilfe ! Ich schaffe es alleine nicht !“ Die Menschen schauen jedoch stur gerade aus und gehen weiter, als wäre nichts geschehen.

Doch da, ein junger Mann – keine 20 Jahre – löst sich aus der Menschenmenge und kommt in unsere Richtung. Ich schaue ihn dankbar an. „Bitte hilf mir“ – sagte ich – „er ist zu schwer für eine Person allein und sein Kopf muss dringend von der Straße weg.“ Der junge Mann und ich packten Richard, doch es war nicht so einfach einen fast leblosen Körper zu transportieren. Mit vereinten Kräften schafften wir es dann doch irgendwie. Ich bedankte mich bei dem jungen Mann für die Unterstützung und er ging weiter.

Ich schaute mir Richards Kopf genauer an und sah, dass er eine Platzwunde hatte. Er musste dringend zum Arzt. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ja ohne Handy losgegangen war – denn, wer sollte mich schon am Valentinstag anrufen. Ausgerechnet jetzt. Ich fragte den anderen Obdachlosen, ob er ein Handy hat. Er schien überrascht, dass ich einen Krankenwagen rufen möchte, doch dann lächelte er freundlich. Nein, ein Handy hat er leider nicht.

Somit musste ich zum zweiten mal in die Menschenmasse hineinrufen: „Bitte, hat jemand mal ein Handy dabei, ich möchte einen Krankenwagen rufen.“ Und wieder war es ein junger Mensch, der zu Hilfe kam und mir ganz selbstverständlich seinen Smartphone in die Hand drückte. Dank ihm konnte ich einen Krankenwagen rufen. Ich erklärte knapp worum es geht und wo genau wir uns befinden. Sie sagten, es würde ungefähr eine halbe Stunde dauern, bis sie eintreffen.

Der andere Obdachlose stand die ganze Zeit neben mir, auf seinen Rollator gestützt. Ich sah, dass dieser voll mit Kram war, wahrscheinlich sein ganzes Hab und Gut. „Sie können ruhig schon nach Hause gehen“- sagte er. „Ich bleibe solange hier, bis der Krankenwagen kommt. Sie brauchen nicht in der Kälte zu stehen.“ Tatsächlich wurde es langsam kühl, denn es begann dunkel zu werden. „Nein, kein Problem“ – antworte ich – „Ich warte bis der Krankenwagen“ kommt.

Der Wagen kam tatsächlich pünktlich und das erste was ich von den Sanitätern hörte war „Ach so, ein Obdachloser. Warum haben Sie es denn nicht gleich am Telefon gesagt? Dann hätten wir uns ja gar nicht so beeilen brauchen“ „ Weil er nicht ein Obdachloser, sondern einfach ein Mensch ist“ – sagte ich schlicht und schaute ihnen dabei direkt in die Seele. Für einen kurzen Moment sahen sie so aus, als würden sie dies zum ersten mal hören. Was sie in sich hinein murmelten verstand ich nicht, das „Vielen Dank für Ihre Umsicht“ jedoch kam laut und deutlich.

Als die Türen des Krankenwagens sich schlossen und das Auto anfuhr drehte ich mich um. Der andere Obdachlose stand immer noch da, noch immer an seinem Rollator gestützt. Sein Blick ruhte auf mich und etwas Feierliches lag darin. In seinen Augen lag die tiefe Zufriedenheit eines Dirigenten, der gerade ein gelungenes Konzert zu Ende geführt hatte. Zwischen meinen Herzschlägen mischten sich Tropfen aus süßem Honig. Nun führte er seine rechte Hand zu seinem Herzen und machte eine leichte Verbeugung: „Vielen Dank, Lady“ sagte er dabei. Dann griff er mit seiner freien Hand in seinen Rollator und wie ein Magier zauberte er einen nagelneuen Regenschirm hervor. „Für Sie“ – sagte er – „ Das ist mein Geschenk an Sie zum Valentinstag.“

Die rosa Ströme in meinem Herzen verbanden sich zu einem heftigen Sturm und dieser hob mich empor. Direkt in den Himmel. Ich konnte es nicht fassen, es war das zweite Geschenk an diesem Tag. Dann legte ich ebenso meine rechte Hand auf mein Herz, verbeugte mich in seine Richtung und sagte: Ich danke Ihnen aus ganzem Herzen für dieses Geschenk. Das nehme ich auch sehr gern an, den Regenschirm möchte ich Ihnen jedoch lassen. Ich denke, Sie werden ihn besser gebrauchen können als ich.

Es war Valentinstag und ich hatte die schönsten Liebesgeschenke erhalten, die man sich nur wünschen kann. Geschenke, die man für kein Geld der Welt bekommt.

4 Gedanken zu “Der Valentinstag

  1. Hatice Demirtas

    Ich danke dir für deine Authenzitität. Du erzählst deine Geschichten so wie du sie fühlst. Nackt und ungeschönt. Für uns Frauen ist das sehr wichtig denn noch immer trauen sich sehr wenige sich so verletzlich und entblösst zu zeigen. Wir tragen noch Make up und Masken. Durch dich ändert sich diese verhärtete Mentalität gerade..und wir verankern uns immer mehr in unseren ❤ en.

    • Vom Herzen Dank für deine Worte und dass du mich siehst, liebe Hatice. Ja, es kostet mich jedes mal Überwindung mich öffentlich nackig zu machen. Allerdings habe ich festgestellt, dass die Geschichten nur dann bereitwillig zu mir fliegen. Sie geraten ins Stocken, wenn ich versuche zu beschönigen. DANKE, du machst mir Mut weiter zu machen.

  2. Herzberührend, liebe Ekaterina <3
    Das bist ganz DU.
    Hab vielen Dank, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast!
    Ich muß dabei an einen Spruch denken, der mir im Leben immer wieder Trost gespendet hat:
    "Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her"
    Oft kommt dieses Lichtlein von jemand, von dem man es gar nicht erwartet, und man darf spüren, dass man in seinem Schmerz nicht alleingelassen ist .

    • Vom Herzen Dank, liebe Irmgard für deine lieben Worte. Das Leben ist immer auf unserer Seite, alles was es braucht ist ein offenes, neugieriges Herz…Dann sieht man auch das Licht, das manchmal – zugegeben – verkleidet daher kommt ♥

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